Akkorde aus einem Song raushören – der systematische Weg

Akkorde per Gehör zu bestimmen ist eine Mischung aus Handwerk und Intuition. Mit dem richtigen Workflow – Bass zuerst, Qualität dann – schaffst du es auch als Einsteiger:in, die Akkorde eines Popsongs in 30 Minuten zu transkribieren.

Vorbereitung: Song und Tonart klären

Bevor du Akkorde raushörst, bestimme die Tonart. Das reduziert die Möglichkeiten drastisch: In einer Dur-Tonart sind nur sieben diatonische Akkorde wahrscheinlich (I, ii, iii, IV, V, vi, vii°). Ohne Tonart müsstest du aus 24 Grundakkorden (12 Dur + 12 Moll) raten.

Wenn du die Tonart noch nicht kennst, lies zuerst den Guide „Tonart bestimmen".

Schritt 1: Bass-Ton isolieren (das wichtigste!)

Der Bass gibt fast immer den Grundton des Akkords vor. Wenn du den Bass-Ton hast, kennst du schon zu 80 % den Akkord.

  1. Song in loope laden, Tempo auf 50 % reduzieren.
  2. A/B-Marker um die erste Akkord-Stelle setzen (typischerweise der erste Taktschlag).
  3. Looping aktivieren – die Stelle wiederholt sich endlos.
  4. Auf einem Instrument den Bass-Ton suchen, der mitschwingt. Tipp: Tiefe Frequenzen sind am besten mit Kopfhörern zu hören.

Schritt 2: Akkord-Qualität bestimmen (Dur, Moll, Seventh)

Wenn du den Grundton hast, fehlt noch die Qualität. Die große Terz (Dur) vs. kleine Terz (Moll) ist der entscheidende Schritt:

  • Dur-Terz (groß): Hell, fröhlich, stabil. Z. B. C → E.
  • Moll-Terz (klein): Düster, melancholisch. Z. B. C → E♭.
  • Seventh (Sept): Wenn der Akkord bluesig/jazzig klingt, ist oft eine kleine Sept dabei (C → B♭ = C7). Typisch für Dominanten (V7 der Zieltonart).

Mitspielen hilft: Spiel den Dur-Akkord auf deinem Grundton – passt er? Falls nicht, probier Moll. Falls Moll auch nicht sitzt, probier Dur mit Sept (7) oder eine Sus-Variante.

Schritt 3: Akkord-Wechsel und das Harmony-Grid

Ein Popsong besteht meistens aus 4–8 verschiedenen Akkorden, die in einem wiederkehrenden Muster rotieren. Trage die bestimmten Akkorde auf einer Timeline ein:

  • Takt 1: C
  • Takt 2: Am
  • Takt 3: F
  • Takt 4: G

Diese I–vi–IV–V-Folge (C-Dur) ist die häufigste Popmusik-Progression überhaupt. Wenn du sie identifizierst, bist du bei hunderten Songs schon fertig.

Profi-Tricks, die den Unterschied machen

  • Transponieren in eine einfache Tonart: Wenn der Song in F♯-Dur steht, transponiere ihn in loope auf C-Dur (um 6 Halbtöne). Deine Finger und dein Ohr haben es leichter mit „weißen Tönen".
  • EQ-Trick: Bei Aufnahmen mit vielen Instrumenten blendet ein Kopfhörer mit Bass-Boost die Höhen zurück – der Bass wird isoliert klarer.
  • Singen vor dem Spielen: Summe den vermuteten Grundton, bevor du ihn auf dem Instrument suchst. Das trainiert dein aktives Hören.
  • Nicht festbeißen: Wenn eine Stelle nicht innerhalb 3–5 Minuten klar wird, geh weiter und kehr später zurück. Oft wird sie durch den Kontext der Nachbarakkorde plötzlich klar.